Hugo Schanovsky Literaturpreis 2026

Vom kleinen i und dem verfluchten c


Bosnien und Herzegowina, Juni 2007

Das monotone Brummen des Wagens legte sich wie die musikalische Untermalung in einem Theaterstück über eine Szene, die sie so nie hatte erleben wollen.

Sie saß auf dem Beifahrersitz und blickte abwechselnd auf die vorbeiziehenden Felder und das Schreiben in ihrer Hand, das sich wie ein Urteil anfühlte. Doch ihr Blick blieb nicht an den Zeilen hängen, die jedes Mal anders formuliert waren, aber stets dieselbe erdrückende Botschaft trugen. Nein, absurderweise landete er zuerst auf ihrem Nachnamen, den sie zumindest korrekt geschrieben hatten. Das rechnete sie ihnen schon einmal hoch an.

Dann blickte sie auf das kleine i und das verfluchte c mit dem schicksalhaften Strich darüber. Seit Jahren hatte diese kurze, schiefe Linie die unangenehme Angewohnheit, ihr einen Strich durch die berufliche Rechnung zu machen. Als wäre sie ein Vorbote schlechter Nachrichten und eine Metapher für das Leben zwischen zwei Welten, jenes in der Diaspora.

Das „ić“ gehörte zu ihr wie die Frage, wo man eigentlich zu Hause ist, zu einem Menschen, der seine Wurzeln in einem anderen Land hat und in einer anderen Sprache fühlt, flucht und denkt. Wie ein Kofferraum voller Ajvar, Jufkateig und eingelegter Paprika, für den man stundenlang mit angewinkelten Beinen im Auto sitzt, weil Heimweh immer mit schwerem Gepäck reist.

Diese Linie hatte sich durch ihr gesamtes Leben gezogen und sie wie ein Schatten begleitet. Und nie war sie etwas gewesen, das sie mit einem schönen Gefühl verbinden konnte.

Herrgott, Sanela, reiß dich zusammen. Es ist nur eine Absage, kein Weltuntergang...

Doch durch wie viele dieser Schreiben musste man sich hindurchkämpfen, damit man endlich von einem Weltuntergang sprechen durfte? Wie viele Urteile waren notwendig, um die Zerreißprobe, die Menschen wie sie jahrelang aushalten mussten, sichtbar zu machen?

Sie war sich sicher, dass es dafür keine Richtlinien gab, und auch keine Vorgaben dafür, wie oft man als Mensch mit bosnischen Wurzeln scheitern und wieder aufstehen musste, um in einer Gesellschaft zu bestehen, in der Name, Herkunft, Glaube und Akzent mehr wogen als der Wille, sich in dieses Bild einzufügen.

Sie dachte an die Worte ihrer Mutter, die ihr von klein auf eingebläut hatte, dass sie sich doppelt so hart anstrengen müsse, um auf demselben Niveau zu sein wie Kinder, die hier geboren und aufgewachsen waren. Kinder, die Luisa, Sara, Hannah oder Lukas hießen.

Sie selbst hieß nicht Luisa, sondern Sanela. Ein Name, den man falsch betonte oder mit einer Margarine verwechselte, und genau diesen Unterschied hatte man sie zweiundzwanzig Jahre lang spüren lassen.

Obwohl sie ihrer Mutter nie hatte glauben wollen und überzeugt gewesen war, man würde sie früher oder später akzeptieren, weil sie akzentfreies Deutsch sprach, Mitglied des örtlichen Karateclubs war und sich ehrenamtlich engagierte, musste sie sich eingestehen, dass ihre Mutter diese Worte nicht als Warnung ausgesprochen hatte, sondern als Frau, die diese Form von Ablehnung viel zu lange kannte.

Und egal, wie oft sie solche oder ähnliche Zeilen gelesen hatte – das Gefühl war immer dasselbe gewesen: bedrückend und jegliche Hoffnung im Keim erstickend. Nun las sie sie wieder, bis die Buchstaben vor ihren Augen verschwammen und sie Mühe hatte, das Zittern in ihrer Brust unter Kontrolle zu halten.

Gleichzeitig wusste sie, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für Emotionen war. Also tat sie, was man ihr von klein auf beigebracht hatte: Sie richtete ihre imaginäre Krone, schluckte die Tränen hinunter, faltete den Brief zusammen und steckte ihn in die Innentasche ihres Rucksacks.

Dieser Tag lag bereits schwer wie Blei auf ihr, und dieser Brief sollte nicht das Gewicht sein, das sie am Ende erdrückte. 

Ihre Familie würde das ohnehin besser hinbekommen.

Zum ersten Mal seit Jahren betrat sie das Haus ihrer Verwandten wieder. 

Bewaffnet mit einer Portion Misstrauen und einem mulmigen Gefühl im Gepäck wusste sie nicht so recht, wohin mit sich. 

In ihrer rechten Hand hielt sie eine prall gefüllte Merkur-Tüte mit Süßigkeiten, einem Tassenservice sowie Unterhemden und Unterhosen für die Großeltern. All das hatte Tante Sajra liebevoll in jene silberne Geschenkfolie verpackt, die schonungslos alles um sich herum spiegelte und zu Bosnien gehörte wie der Ćevap zur Lepinja.

Und ja, Unterhosen.

Wer zur Hölle verschenkt Unterhosen?

All diese Dinge nannte Tante Sajra milošte. Ein unverzichtbarer Bestandteil bosnischer Verwandtschaftsbesuche, denn wer mit leeren Händen erschien, galt als stiskonja, als Geizhals, und weil Sanela genau das vermeiden wollte, trug sie die vollgestopfte Tüte würdevoll über die Schwelle.

Ihre sarkastischen Gedanken wurden kurz durch einen Wink ihrer Tante unterbrochen, die sie fragte, wie sie ihren Kaffee trinken wolle.

Jedenfalls anders, als meine Mutter ihn hier getrunken hat, dachte sie trocken.

Seit dem Tod ihrer Mutter vor sechs Monaten gab es keinen Tag, an dem sie nicht an diese Menschen denken musste. Sie hatten ihr Leben geprägt, allerdings nicht im Guten. Eher wie eine alte Wunde, die immer wieder aufreißt, oder wie das erbarmungslose Tempo, mit dem ihre Mutter zugrunde gegangen war – zerrissen zwischen der Verantwortung für die Familie in Bosnien und dem Wunsch nach einem eigenen Leben.

Dabei hatte diese Frau nicht viel vom Leben erwartet. Nach Jahrzehnten der Fließbandarbeit, des Schrubbens von Toiletten und Bidets, nach abschätzigen Blicken wegen ihres Akzents, nach unzähligen Momenten, in denen man langsamer mit ihr sprach, als wäre sie nicht klug genug, um alles zu verstehen, nach all den kleinen Demütigungen, die sich anhäuften, wenn man fremd klingt, hatte sie sich nichts sehnlicher gewünscht, als die Pension gesund und munter zu erleben und sich ihrem Garten zu widmen, in der Hoffnung, irgendwann auch Enkelkinder darin willkommen zu heißen.

Doch was scherte sich das Schicksal um die Wünsche einer Gastarbeiterin?

In einer milden Augustnacht war sie gegangen. Ausgerechnet in einer Sommernacht, die ihr mehr Wärme entgegenbrachte als so mancher Mensch.

Sie hatte ihrer Tochter einmal erzählt, dass sie und Sanelas Vater wenige Monate vor dem Krieg das Einzige verkauften, das wirklich etwas wert gewesen war, um sich in Österreich eine Zukunft aufzubauen: einen Videorekorder. Ein bescheidenes Ticket in ein neues Leben fernab von Krieg und Perspektivlosigkeit. Der Videorekorder hatte vieles aufgezeichnet, nur nicht die Enttäuschung ihrer Mutter, als sie erfuhr, dass Sanelas Großvater das gesamte Familienerbe einem einzigen Bruder überschrieben und die übrigen Geschwister übergangen hatte.

Es schmerzte ihre Mutter nicht, weil sie das Erbe gebraucht hätte. Was sie traf, war etwas anderes: Das Erbe stand für Zugehörigkeit und die Gewissheit, dass es irgendwo auf dieser Welt einen Ort gab, der zu ihr gehörte wie sie zu ihm.

Doch mit einem einzigen Dokument hatte man ihr selbst diese Sicherheit genommen, und vielleicht war es genau das, was der Krankheit, mit der sie über Monate gekämpft hatte, den letzten Auftrieb verlieh.

Viele Menschen in der Diaspora verbringen ihr Leben damit, herauszufinden, wohin sie gehören, und oft reicht ein einziges Dokument aus, um dieses fragile Gefühl der Zugehörigkeit ins Wanken zu bringen.

Sanela trank den Kaffee, der sich bitter auf ihre Zunge legte. Der Zucker darin vermochte den Geschmack der Vergangenheit nicht zu übertünchen.

Sie betrachtete ihre Großeltern. Zwei alte Menschen, die mit über achtzig Jahren ihre älteste Tochter überlebt hatten. Ihre Großmutter schien den Verlust nicht verwunden zu haben. Ihr Großvater hingegen saß dort, streng und jähzornig wie eh und je. Er fragte weder nach Sanela noch nach ihrem Vater, der seit Monaten im Schmerz zu ertrinken drohte. So wie er nie gefragt hatte, welche Last er seiner ältesten Tochter aufgebürdet hatte.

An diesem Tag schenkte Sanelas Großmutter ihr einen Tesbih, eine Gebetskette. Sie meinte, dass Zikr, das Gedenken an Gott, sie beschützen und ihr Frieden schenken würde, doch die Geste erreichte ihre Enkelin nicht. Sanela schüttelte stattdessen innerlich den Kopf. Sie wusste sehr wohl, wie man einen Tesbih verwendete. Ihre Mutter hatte es ihr beigebracht, wie so viele andere Dinge im Leben. Was sie nicht wusste, war, wie man Frieden mit der Vergangenheit schloss, wenn das Einzige, das zwei Welten miteinander verbunden hatte, nun nicht mehr da war, und wie man Menschen verzieh, die niemals um Verzeihung bitten würden, weil sie nicht gelernt hatten, Schuld zu reflektieren, sondern sie entschlossen zum Schweigen zu bringen.

Ihr Blick blieb an der Halva auf dem Tisch hängen. Diese Süßspeise war dafür gemacht worden, Freude zu bereiten und Menschen zusammenzubringen. Nun stand sie einsam, trocken und ranzig da. Niemand griff nach ihr, und doch wollte sie niemand wegwerfen, weil es eine Sünde gewesen wäre. Plötzlich fiel es Sanela schwer, nicht an ihre Mutter zu denken...

An Zehra, deren Name „Blume“ bedeutete. So wie Blumen langsam verwelken, war auch ihre Mutter gegangen. Still und unbeeindruckt von der Welt um sie herum hatte sie sich verabschiedet, und niemand hatte es bemerkt, weil sie nur eine Blume unter vielen gewesen war. Eine von jenen, an denen man jeden Tag vorbeigeht, ohne zu sehen, dass ihre Blütenblätter längst zu Boden gefallen waren.

Als sie sich auf den Nachhauseweg machen wollte, kam ihr Hanka entgegen. Die jüngste Schwester ihrer Mutter. Eine Frau, die sie über alles liebte, weil sie dieselbe Wärme in sich trug wie Zehra.

Hanka sah sie an und schien sofort zu verstehen. Ohne ein Wort zu sagen, nahm sie Sanela bei der Hand und führte sie in ihren Garten auf der gegenüberliegenden Seite des Hauses ihrer Großeltern. Dort setzte sie sich neben sie auf die alte Holzbank und strich ihr behutsam über die Hand, so wie man es bei einem Kind tat, das sich verletzt hatte und nicht wusste, wie es seinen Schmerz in Worte fassen sollte. 

„Ach Sanela, ach! Du trägst einen Stein mit dir herum, mein Kind, und du glaubst, dass du ihn eines Tages deinen Großeltern vor die Füße legen kannst, damit sie verstehen, wie schwer er ist.“ Sie räusperte sich. „Aber manche Menschen können das nicht verstehen.“

Sanela hob den Blick. „Und was soll ich dann tun?“

Hanka strich ihr über die Hand. „Lernen, mit dem Schmerz zu leben, ohne dass er dich auffrisst.“

„Und wenn ich das nicht kann?“

Hanka lächelte traurig. „Wenn du dich vor den Spiegel stellst, was siehst du dann?“

Sanela schnaubte leise. „Eine Frau, die nicht weiß, wohin sie gehört. Eine, die Bosnien meidet, weil sie hier immer unglücklich war, und in Österreich eine Absage nach der anderen kassiert. Das sehe ich. Und etwas zu gut geformte Hüften und Oberschenkel.“

Ihre Tante musste lachen. „Deine Hüften und Oberschenkel sind genau richtig.“

Zum ersten Mal an diesem Tag lächelte auch die Frau mit dem Margarine-Namen.

„Warum ist es dir so wichtig, wohin du gehörst?“, fragte Hanka schließlich. 

„Weil jeder irgendwo dazugehören möchte. Weil jeder so etwas wie Heimat braucht. Mama brauchte sie auch und sie haben sie ihr einfach genommen.“

Hanka schwieg einen Moment. „Der Spiegel, egal wo er steht, zeigt immer dasselbe Bild. Verstehst du? Es geht nicht darum, wo du dich betrachtest, sondern darum, was du darin siehst. Und ich sehe eine junge Frau, auf die ich stolz bin. Du hast das Herz deiner Mutter und Zehra wäre stolz auf dich.“ Sie fuhr Sanela sanft mit ihren rauen Händen über die Wangen. „Dein Spiegelbild ist schön. Das Glas ist sauber. Lass nicht zu, dass eine Schuld, die nicht die deine ist, Spuren darauf hinterlässt. Alles andere darf sich ändern, nur das hier nicht.“ Sie deutete auf Sanelas Herz. „Und glaub mir, mein Kind, das ist mehr wert als jeder Stein, den du diesen alten Menschen vor die Füße legen könntest.“

 

Österreich, August 2019

 

Sanela hatte sie bereits vor Tagen gesehen. Die Frau war immer mit ihren Walkingstöcken unterwegs und zog wortlos ihre Runden durch die Nachbarschaft. Bis zu diesem Tag...

Sie war stehen geblieben und hatte den Blick über die Baustelle schweifen lassen, während Sanela und ihr Mann sich den Schweiß von der Stirn wischten. 

Nach ein paar belanglosen Floskeln über das Wetter fragte sie tatsächlich, warum sie nicht in ihrer Heimat Bosnien ein Haus bauten, sondern ausgerechnet hier, wo es doch dort genauso schön war.

Sanela war für einen Moment erstarrt. Nicht wegen der Frage selbst, sondern wegen der Selbstverständlichkeit, mit der sie ausgesprochen worden war.

Es war dasselbe Gefühl, das ihre Mutter ein Leben lang begleitet hatte. Dass andere darüber entschieden, wo ihr Platz war, und dass er erstaunlich oft nicht dort lag, wo sie selbst ihn gesehen hatte.

Dabei hatte Sanela geglaubt, sich ihren Platz längst erkämpft zu haben. Sie war hier aufgewachsen, hatte sich in den Dienst der Öffentlichkeit gestellt und engagierte sich noch immer ehrenamtlich. Doch trotz all ihrer Bemühungen gab es Menschen, die in ihr nur ihre Herkunft und ihren Nachnamen sahen. Die Wut darüber legte sich wie ein alter, muffiger Schal über ihr Inneres.

Während ihr die Tränen in die Augen schossen, hatte ihr Mann, standhaft und schlagfertig wie eh und je, in seinem akzentreichen Deutsch geantwortet, dass sie unten ebenfalls ein Haus hätten, und den Satz mit einem zufriedenen Grinsen unterstrichen. Die alte Frau war daraufhin kopfschüttelnd weitergegangen, als hätte er etwas Ungehöriges gesagt.

Sanela hatte sich auf den Erdhaufen neben der Baustelle gesetzt und bitterlich zu weinen begonnen. Eine Hand lag auf ihrem Bauch. Dort, wo ihr ungeborenes Kind mit jedem Tritt gegen all das zu protestieren schien, was seine Mutter sprachlos gemacht hatte.

Zehra hatte weder dort noch hier ein Zuhause gefunden, und Sanela fragte sich, ob sie ihres jemals finden würde, welche Zukunft ihre Kinder erwartete, ob Zehras Schmerz etwas war, das sie geerbt hatte, ob Traumata tatsächlich von einer Generation zur nächsten wanderten und was notwendig war, um diesen Kreis zu durchbrechen.

Dann dachte sie an Hankas Worte, an den Spiegel und das Herz, an all das, was sie bislang erreicht hatte, trotz ihres Nachnamens und der Türen, die sich Dutzende Male vor ihr geschlossen hatten. 

Etwas tief in ihrem Inneren, jener Trotz, der sich Inat nannte und durch und durch bosnisch war, wollte partout nicht akzeptieren, dass diese Frau Österreich repräsentierte, ebenso wenig wie die Tatsache, dass ihre Großeltern für Bosnien standen.

Für Sanela war Österreich ihre ehemalige Nachbarin Hildegard, die ihr das Lesen beigebracht hatte und dabei mindestens genauso penibel gewesen war wie bei ihren eigenen Kindern. Österreich waren Herbert und Sophia, die sie als Kind zum Skifahren mitgenommen und ihr den Kaiserschmarrn schmackhaft gemacht hatten. 

Die Frau mit den Walkingstöcken war nicht das Land, das Sanela liebte. 

Sie war nur ein weiterer Raum, in dem ihr Spiegel stand, und Sanela weigerte sich, ihn ihr zu überlassen.

Vielleicht war Heimat für sie ohnehin nie ein Ort, sondern Menschen, die ihr nie das Gefühl gegeben hatten, sich ihren Platz erst verdienen zu müssen. Menschen, die sie daran erinnert hatten, dass Dokumente Besitzverhältnisse klären, Grenzen ziehen und Ansprüche regeln können, aber nicht den Wert eines Menschen bestimmen.

Sie wischte sich die Tränen ab, legte beide Hände auf ihren Bauch und wartete auf den nächsten Tritt.

Er kam. 

Hartnäckig und voller Inat.

Autorin: Elma Pandžić